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              • Die Quedlinburger Kirchweihe
                im Jahre 1021
                Neue Überlegungen zum altbekannten Weihebericht in den Annales Quedlinburgenses
                Von
                Christian Popp
                I. Einleitung
                Am 24. September 1021 wurde die Quedlinburger Stiftskirche i  n Anwesenheit des Kaiserpaares Heinrich II. und Kunigunde von Bischof Arnulf von Halberstadt unter Beteiligung weiterer Bischöfe feierlich geweiht. Das Geschehen wird in den Quedlinburger Annalen in einer Weise wiedergegeben, die sich deutlich von den anderen annalistischen Einträgen dieses Werks unterscheidet. Die Schilderung entspricht einer Gattung von Texten, die in der Forschung mit Begriffen wie Dedikationsbericht oder Weihenotiz bezeichnet wird. Als es üblich wurde, Altären eine Vielzahl von Patrozinien zuzuweisen und darin nicht nur eine, sondern mehrere Reliquien einzuschließen, wurden Listen dieser Tituli und Reliquien zunehmend verschriftlicht. Spätestens seit dem 11. Jahrhundert fanden diese Berichte oder Notizen über Kirchweihen unter Angabe des Weihedatums, der weihenden Kleriker, der Altarpatrozinien sowie der im Altar eingeschlossenen Reliquien vermehrt Eingang in historiographische Werke wie Gesta  episcoporum  oder Annalen.1 Die Auflistung von Altartituli und -reliquien wird auch
                1) In den Scriptores-Bänden der Monumenta   Germaniae Historica sind mehr als hundert dieser notae dedicationum ediert zugänglich, siehe besonders MGH SS, Bd. 15,2, S. 960–1125, und Bd. 30,2, S. 768–788, sowie vereinzelt auch an an2

                Winston Churchill  

                Rom  

                Kaiser Wilhelm II.  


                Christian Popp
                in normativen Texten zur Kirchweihliturgie verlangt. So fordert das römisch-germanische Pontifikale aus der Mitte des 10. Jahrhunderts, dass der einen Altar weihende Bischof dem Klerus und dem Volk die Namen der Heiligen zu verkünden habe.2 Insofern ist die besondere Form der Quellenüberlieferung zu den Kirchweihen des Hochmittelalters gut zu erklären. Der Bericht zur Weihe der Stiftskirche in Quedlinburg weist – verglichen mit anderen erhaltenen Dedikationsnotizen des 10. und 11. Jahrhunderts – dennoch einige Besonderheiten auf, von denen die ungewöhnlich große Anzahl der aufgelisteten Altarpatrozinien sofort ins Auge fällt.
                Der Quedlinburger Weihebericht wurde mehrfach ediert, zuletzt 2004 von Martina Giese im Rahmen der kompletten Neuedition der Annales Quedlinburgenses für die Monumenta Germaniae Historica.3 Der Text der Annalen ist nur in einer Dresdner Sammelhandschrift des 16. Jahrhunderts überliefert, die auf den Wittenberger Professor Petrus Albinus (1543–1598) zurückgeht. Für die komplizierte Überlieferungsgeschichte, die hier nicht thematisiert werden kann, ist auf Gieses Einleitung zur Neuedition zu verweisen.4
                deren Stellen. Zur Textgattung vgl. Jörg Kastner, Dedikationsbericht, in: LThK 3 (32006), Sp. 50 f. Zu den Altartituli Arwed Arnulf, Versus ad picturas. Studien zur Titulusdichtung als Quellengattung der Kunstgeschichte von der Antike bis zum Hochmittelalter (Kunstwissenschaftliche Studien 72, 1997).
                2) Pontificale Romano-Germanicum saeculi decimi, XL (Ordo ad benedicendam ecclesiam), 128: His ita per ordinem gestis, cum redierit iterum ad ostium aecclesiae, facto silentio, habeat pontifex verbum ad plebem de honore ecclesiastico et de pace venientium ac redeuntium et de decimis vel oblationibus aecclesiarum, ac de anniversaria ipsius aecclesiae dedicatione, et annuntiet tam clero quam populo, in cuius honore constructa et dedicata sit aecclesia vel etiam nomina sanctorum ibi quiescentium. Le pontifical romano-germanique du dixième siècle, Bd. 1: Le texte (NN. I–XCVIII), hg. von Cyrille Vogel / Reinhard Elze (Studi e testi 226, 1963), S. 169. Vgl. dazu jüngst Philippe Cordez, Schatz, Gedächtnis, Wunder. Die Objekte der Kirchen im Mittelalter (Quellen und Studien zur Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 10, 2015), S. 65 f. Zur Textgattung der Weihenotizen und -urkunden vgl. auch Didier Méhu, Historiae et imagines de la consécration de l’église au moyen âge, in: Mises en scène et mémoires de la consécration de l’église dans l’Occident médiéval, hg. von dems. (Collection d’études médiévales de Nice 7, 2007), S. 15–49, hier besonders S. 40–43.
                3) Die Annales Quedlinburgenses, hg. von Martina Giese (MGH SS rer. Germ. 72, 2004), der Bericht zur Kirchweihe ad a. 1021 auf S. 562–566.
                4) Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek, Q. 133. Zur Überlieferung vgl. Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 244–258. Vorlagen und Ableitungen der Annales Quedlinburgenses sind nach wie vor nicht restlos erforscht, vgl. dazu zuletzt Hartmut Hoffmann, Zu den Annales Quedlinburgenses, in: Sachsen und Anhalt 27 (2015), S. 139–178.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 3
                Der Bericht über die Quedlinburger Kirchweihe in den Annalen zum Jahr 1021 ist seit mindestens 150 Jahren ein viel behandeltes Thema in der Forschungsliteratur zum ottonischen Frauenstift Quedlinburg. Interpretationsansätze lieferten unter anderem 1874 George Adalbert von Mülverstedt,5 1989 Klaus Voigtländer,6 1990 Hartmut Möller,7 2007 Ernst Schubert8 und in besonders detaillierter Form 1975 Karl Josef Benz in seiner grundlegenden Monografie über die politische Bedeutung der Kirchweihen unter Teilnahme der deutschen Herrscher im hohen Mittelalter.9 Hier neue Akzente zu setzen, ist nicht ganz einfach, dennoch soll im Folgenden versucht werden, einige neue Gedanken zum Verständnis der Quedlinburger Weihenotiz zu entwickeln.
                Zunächst sei kurz die Quellengrundlage unserer Kenntnisse von dem Weiheereignis 1021 referiert. Der Bericht zur Quedlinburger Kirchweihe von 1021 stammt aus der Feder der Verfasserin der Annales Quedlinburgenses – wahrscheinlich eine Kanonisse des Servatiusstifts –,10 und er ist zeitgenössisch. Im Kontext des Quedlinburger Annalenwerkes ist die Akribie und Genauigkeit dieses Berichtes auffällig, die Kirchweihe von 1021 stellt dadurch mit Abstand die ausführlichste Einzelnachricht der Annalen dar. Die protokollartige Form des Berichts lässt kaum Zweifel, dass als Grundlage ein separat angefertigter Text, eine Weihenotiz, diente – Martina Giese verweist
                5) George Adalbert von Mülverstedt, Ueber den Kirchenschatz des Stifts Quedlinburg. Nebst einigen Nachrichten von den ehemals in den Stifts- und anderen Kirchen der Stadt befindlich gewesenen Altären und von einem dort her stammenden Italafragment, in: Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Alterthumskunde 7 (1874), S. 210–263, hier besonders S. 239–245.
                6) Klaus Voigtländer, Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Geschichte ihrer Restaurierung und Ausstattung, 1989, besonders S. 92–94 und 164.
                7) Hartmut Möller, Das Quedlinburger Antiphonar (Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Mus. ms. 40047), 3 Teile (Mainzer Studien zur Musikwissenschaft 25/1–3, 1990), besonders Teil 1, S. 211–224.
                8) Ernst Schubert, Die Kirchen St. Wiperti und St. Servatii in Quedlinburg. Eine Interpretation der literarischen Quellen zur Baugeschichte, in: Sachsen und Anhalt 25 (2007), S. 31–80, hier besonders S. 60–66.
                9) Karl Josef Benz, Untersuchungen zur politischen Bedeutung der Kirchweihe unter Teilnahme der deutschen Herrscher im hohen Mittelalter. Ein Beitrag zum Studium des Verhältnisses zwischen weltlicher Macht und kirchlicher Wirklichkeit unter Otto III. und Heinrich II. (Regensburger Historische Forschungen 4, 1975), hier S. 176–186.
                10) Zur Verfasserfrage Katrinette Bodarwé, Sanctimoniales litteratae. Schriftlichkeit und Bildung in den ottonischen Frauenkommunitäten Gandersheim, Essen und Quedlinburg (Quellen und Studien 10, 2004), S. 317; zuletzt Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 57–66.
                4 Christian Popp
                auf die mögliche Vorbildwirkung der Notiz zur Bamberger Domweihe von 1012,11 zumal die Quedlinburger Äbtissin Adelheid (999–1044) an diesem feierlichen Ereignis im 1007 neu gegründeten Bistum Bamberg teilgenommen hatte.12
                Die Quedlinburger Kirchweihe von 1021 findet auch in der Reichschronik des Annalista Saxo Erwähnung, allerdings in einer summarischen Zusammenfassung, die nur den Hauptkonsekranten, Bischof Arnulf von Halberstadt, und die Tituli des Hochaltares nennt und die vermutlich eine Übernahme aus den Quedlinburger Annalen darstellt.13 Die neben dem Annalista Saxo wichtigste Ableitung der Quedlinburger Annalen, die Annales Magdeburgenses, übernehmen die Nachricht von der Quedlinburger Kirchweihe trotz der Beteiligung des Magdeburger Erzbischofs Gero dagegen bemerkenswerterweise nicht. Die methodische Schwierigkeit von Argumenten ex silentio sowie die undurchsichtige Überlieferungssituation der Quedlinburger Annalen – wir kennen die genaue Vorlage nicht, die dem Magdeburger Annalisten zur Verfügung stand, die aber eine andere als die des Annalista Saxo war14 – geben allerdings keinen Raum für weitere Schlussfolgerungen.
                Der Vollständigkeit halber sei noch ein Diplom Heinrichs II. erwähnt, das der Kaiser anlässlich der Weihe ausstellte und in dem er den Quedlinburger Sanctimonialen mehrere Besitzungen übertrug.15 Es enthält allerdings keine weiteren Informationen zur Kirchweihe, so dass wir uns ganz auf die Überlieferung in den Quedlinburger Annalen konzentrieren können.
                11) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 242.
                12) Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis, ed. Philipp Jaffé, in: MGH SS 17, S. 635 f. Die Anwesenheit der Äbtissinnen Adelheid von Quedlinburg und ihrer Schwester Sophia von Gandersheim bezeugen die Quedlinburger Annalen, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 533, ad a. 1012: Intererant etiam regio gaudio dominae sorores abbatissae, Sophia et Adelheida, quod erat insigne decus imperatoriae aulae.
                13) Die Reichschronik des Annalista Saxo, hg. von Klaus Nass (MGH SS 37, 2006), S. 358, ad a. 1021: Inde Quidelingeburh [Inperator, C.P.] venit, ubi dedicatio monasterii ipso iubente peracta est. Dedicatum est autem ab Arnulfo episcopo et altare summum in honore sancte et individue trinitatis et sancte Marie, Iohannis babtiste, sancti Petri, sancti Stephani protomartiris, Dionisii et sociorum eius et sancti Seruatii confessoris.
                14) Vgl. die Einleitung zu den Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 282–289.
                15) MGH DD H II, Nr. 448, S. 570.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 5
                II. Teilnehmer
                Der Bericht zur Kirchweihe von 1021 in den Quedlinburger Annalen stellt die Anwesenheit des Kaisers und seiner Gattin, der Kaiserin Kunigunde, heraus und beginnt mit der ungewöhnlichen Formulierung, Heinrich II. habe nach unvorhergesehener und plötzlicher, aber kurzer Überlegung beschlossen, seine Verwandte Adelheid und die Einweihung der Quedlinburger Basilika zu besuchen.16 Es lässt sich trefflich darüber diskutieren, was bei den damaligen Möglichkeiten der Terminkoordination des kaiserlichen Hofes und der höheren Geistlichkeit diese Aussage wohl bedeuten mag – eine Änderung der Reiseroute aufgrund eines spontanen Einfalls des Kaisers sicher nicht.17 Wichtig dürfte sein, dass der Bericht gleich am Beginn die familiäre Bande betont, die Heinrich mit der Quedlinburger Stiftung und ihrer seit 999 regierenden Äbtissin Adelheid verband: Adelheid war, wie die ebenfalls anwesende Äbtissin Sophia von Gandersheim (1001–1039), eine Tochter Ottos II. und Theophanus und damit eine Urenkelin König Heinrichs I. Ein Urenkel des in Quedlinburg begrabenen Königs war auch Kaiser Heinrich II., der aus der bayerischen Linie der Liudolfinger stammte. Klar dürfte auch sein, dass die Terminfestlegung vom Kaiser bzw. seinem unmittelbaren Umfeld getroffen worden war. Terminiert wurde der 24. September 1021, ein Sonntag, wie es für Kirchweihen gewünscht war.18 Schon eine Woche später, am 1. Oktober, nahm Heinrich dann an der Weihe des Merseburger Domes teil, am 2. November an der Weihe der Benediktinerabtei St. Michael zu Bamberg, bevor er nach Augsburg weiterzog, um sein Aufgebot für den dritten Italienzug zu sammeln.19
                16) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 561: Dehinc neptem suam, herilem dominam Adelheidam, invisere Quedelingnensis dedicationemque basilicae, licet improvisa inopinataque brevi tamen deliberatione quam familiariter instituens, eandem metropolim adeundo pervenit.
                17) Vgl. Schubert, St. Wiperti und St. Servatii (wie Anm. 8), S. 64; Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 179–182.
                18) Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 179.
                19) Der König und sein Heer überquerten noch Ende November/Anfang Dezember die Alpen und lassen sich am 6. Dezember 1021 in Verona nachweisen, wo Heinrich in St. Zeno ein Königsgericht abhielt (RI II,4 n. 2007, in: Regesta Imperii Online, URI:
                regesta-imperii.de/id/1021-12-06_1_0_2_4_1_916_2007 [abgerufen am 09.05.2016]). Entsprechend dürfte der Terminplan des Kaisers im Herbst 1021 wenig flexibel gewesen sein. Zur Planung und Bedeutung des dritten Italienzuges vgl. Stefan Weinfurter, Heinrich II. (1002–1024). Herrscher am Ende der Zeiten, 1999, S. 245–248.
                6 Christian Popp
                Über den Ablauf der Quedlinburger Kirchweihe erfahren wir aus der Quelle leider nichts. Der Bericht besteht im Wesentlichen aus der Aufzählung von sechs Altären samt Tituli und der in ihnen rekondierten Reliquien. Schon die Rekonstruktion der teilnehmenden Geistlichen an dem Weihegottesdienst bereitet Schwierigkeiten. Neben dem Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde und den Äbtissinnen Adelheid von Quedlinburg und Sophia von Gandersheim nennt die Annalistin vier an der Weihe beteiligte Bischöfe namentlich, spricht aber zugleich von einer Versammlung totius regni episcoporum ac optimatum, also der Bischöfe und Großen des ganzen Reiches, und dass es fast unmöglich sei, die Schar der Vornehmen, der Grafen wie auch der Bischöfe und Äbte, aufzuzählen.20 Die Lektüre der erhaltenen Weihenotizen des 10. und 11. Jahrhunderts zeigt, dass die Anzahl der beteiligten und anwesenden Bischöfe und die damit verbundene symbolische Bedeutung durchaus ein nennenswertes Berichtsmoment dieser Textgattung darstellt. So wird eine Zwölfzahl der Bischöfe, sicher als Verweis auf die zwölf Jünger Christi, zum Beispiel bei der Weihe des Halberstädter Doms 992,21 der Gandersheimer Stiftskirche 1007,22 des Utrechter Doms 102323 oder der Maastrichter Servatiuskirche 103924 behauptet; für die Bamberger Domweihe 1012 benennt die Weihenotiz gar 45 Bischöfe.25 Die unkonkreten und vagen Formulierungen der über die weiteren Details der Weihe gut informierten Quedlinburger Annalistin können wohl als Indiz dafür gewertet werden, dass in der Servatiuskirche 1021 nicht mehr oder zumindest nicht viel mehr als die vier namentlich genannten Bischöfe anwesend waren.
                Bei diesen vier Bischöfen, die allesamt als enge Vertraute Kaiser Heinrichs anzusprechen sind,26 handelte es sich erstens um Arnulf von
                20) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 561 f.
                21) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 480 f., ad a. 992.
                22) MGH DD H II., Nr. 255, S. 294 f.
                23) Annales S. Mariae Ultraiectensis, ed. Ludwig Weiland, in: MGH SS 15,2, S. 1301.
                24) Iocundi Translatio S. Servatii, ed. von Rudolf Köpk e, in: MGH SS 12, S. 112. Vgl. dazu auch Karl Josef Benz, Episcopi Conbenedicentes. Die gemeinsame Kirchweihe durch mehrere Bischöfe im hohen Mittelalter als Ausdruck der bischöflichen Kollegialität, in: Mysterium der Gnade. Festschrift für Johann Auer, hg. von Heribert Rossmann / Joseph Ratzinger, 1975, S. 312–319.
                25) Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis, ed. Jaffé (wie Anm. 12), S. 635. Thietmar spricht dagegen von „mehr als 30“ Bischöfen, die Quedlinburger Annalen von 36 Bischöfen, vgl. Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 130 f.
                26) Vgl. Weinfurter, Heinrich II. (wie Anm. 19), S. 115 f., 120 f., 148, 161 und weitere Belege.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 7
                Halberstadt (996–1023),27 dem als Ordinarius die Rolle des Hauptkonsekranten zukam und der das altare suppremum, den Haupt- bzw. Hochaltar, weihte. Zweitens war Erzbischof Gero von Magdeburg (1012–1023)28 an der Weihe beteiligt, der in Quedlinburg jedoch keineswegs, wie von Benz behauptet,29 als zuständiger Metropolit auftrat, da das Bistum Halberstadt bekanntlich zur Mainzer und nicht zur Magdeburger Kirchenprovinz gehörte. Die Abwesenheit des Mainzer Erzbischofs lässt sich aber leicht erklären: Am 17. August 1021 war der Mainzer Metropolit Erchanbald gestorben. Heinrich II., der sich gerade in Gandersheim befand, ernannte offenbar schon wenige Tage später seinen Hofkaplan Aribo zum Nachfolger.30 Der Hildesheimer Überlieferung ist zu entnehmen, dass Bischof Bernward von Hildesheim dem designierten Erzbischof am Hochaltar der Gandersheimer Stiftskirche in Gegenwart Kaiser Heinrichs II. die Priesterweihe spendete.31 Aribo zog unmittelbar darauf zum Zwecke seiner Amtseinführung nach Mainz und konnte den Richtung Osten ziehenden Kaiser nicht weiter begleiten. Der Vita Godehardi zufolge erkrankte Bischof Bernward im Anschluss und entsandte den Schleswiger Bischof Ekkehard zur Bischofsweihe nach Mainz.32 So lässt sich zumindest das
                27) Zur Person vgl. Raphaela Averkorn, Die Bischöfe von Halberstadt in ihrem kirchlichen und politischen Wirken und in ihren Beziehungen zur Stadt von den Anfängen bis zur Reformation, in: Bürger, Bettelmönche und Bischöfe in Halberstadt. Studien zur Geschichte der Stadt, der Mendikanten und des Bistums bis zur Frühen Neuzeit, hg. von Dieter Berg (Saxonia Franciscana 9, 1997), S. 1–79, hier S. 7.
                28) Zur Person vgl. Dietrich Claude, Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in das 12. Jahrhundert, Teil 1: Die Geschichte der Erzbischöfe bis auf Ruotger (1124) (Mitteldeutsche Forschungen 67/1, 1972), S. 284–301.
                29) Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 183.
                30) Ernst-Dieter Hehl, Die Mainzer Kirche in ottonisch-salischer Zeit (911–1122), in: Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte, Bd. 1: Christliche Antike und Mittelalter, Teil 1, hg. von Friedhelm Jürgensmeier (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte 6, 2000), S. 195–280, hier S. 263.
                31) Caspar Ehlers, Gandersheim, Bad, in: Die deutschen Königspfalzen. Repertorium der Pfalzen, Königshöfe und übrigen Aufenthaltsorte der Könige im deutschen Reich des Mittelalters, hg. vom Max-Planck-Institut für Geschichte, Bd. 4: Niedersachsen, 3. Lieferung: Buxtehude – Gieboldehausen, 2001, S. 247–333, hier S. 286 f. mit allen Quellenbelegen.
                32) Vita Godehardi prior, ed. Georg Heinrich Pertz, cap. 25, in: MGH SS 11, S. 185 f. Vgl. dazu Francis J. Tschan, Saint Bernward of Hildesheim, Bd. 1: His Life and Times, 1942, S. 173 f.; Hans Goetting, Das Bistum Hildesheim, Bd. 3: Die Hildesheimer Bischöfe von 815 bis 1221 (1227) (Germania Sacra N. F. 20, 1984), S. 200.
                8 Christian Popp
                Fernbleiben Erzbischof Aribos von Mainz und Bischof Bernwards von Hildesheim glaubhaft begründen.33 Offensichtlich war unter den in Quedlinburg anwesenden Bischöfen Gero von Magdeburg der einzige Metropolit. Als ranghöchster Kleriker wurde ihm die Weihe des Heilig-Kreuz-Altars in medio ecclesiae übertragen – auch das ist ein bekanntes Muster in den Kirchweihberichten dieser Zeit. So übernahm 1012 in Bamberg – um nur das prominenteste Beispiel zu erwähnen – der ranghöchste Geistliche die Konsekration des Kreuzaltares in medio ecclesiae, nämlich der Patriarch Johannes von Aquileia.34
                33) Sonderbarerweise nennt Johann Winnigstedt († 1569), seit 1539 Pfarrer an St. Blasii in Quedlinburg, in seiner Quedlinburger Chronik Bischof Bernward von Hildesheim als fünften Konsekranten eines östlichen (!) Altars in der Stiftskirche: A. 1021 ward das Münster zu Quedlinburg, und der hohe Altar von Bischoff Arnolpho zu Halberstadt, der Altar gegen Mittag von Meinwerco Bischoff zu Paderborn, der mitten in der Kirche von Gerone Ertz-Bischoff zu Magdeburg, der gegen Mitternacht von Eilwardo, Bischoff zu Meissen, und der gegen Aufgang von Bernwardo Bischoff zu Hildesheim geweiht … Gedruckt bei Kaspar Abel (Hg.), Sammlung Etlicher noch nicht gedruckten Alten Chronicken …, Braunschweig 1732, S. 479–522, Zitat S. 488. Durch Winnigstedts Chronicon Quedlinburgense fand die angebliche Beteiligung des Hildesheimer Bischofs an der Weihe 1021 Eingang in die ältere Quedlinburger Historiographie, so bei Friedrich Ernst Kettner, Kirchen- und Reformations-Historie des Kaeyserl. Freyen Weltlichen Stiffts Quedlinburg, Oder von dessen Fundation, Abbatissen, Pröbstinnen …, Quedlinburg 1710, S. 13. Da allein die Quedlinburger Annalen die Konsekranten nennen, muss Winnigstedt daraus geschöpft haben. Wie es zur Hinzufügung Bischof Bernwards kam, bleibt unklar. Zur Person Winnigstedts und seiner Rezeption der Annalen vgl. Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 294–297.
                34) Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis, ed. Jaffé (wie Anm. 12), S. 635. Der ranghöchste nordalpine Metropolit, der Mainzer Erzbischof, wurde mit der Weihe des Hauptaltares im Ostchor zu Ehren der hl. Maria, des Erzengels Michael und des hl. Georg beauftragt. – Grundlegend zur Bedeutung des Kreuzaltars, der bereits im St. Galler Klosterplan in medio ecclesiae zu finden ist und den Salvator inmitten seiner Heiligen repräsentiert, noch immer Joseph Braun S. J., Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung, Bd. 1: Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik, 1924, S. 401–406; aufschlussreiche Beispiele bei Franz Ronig, Die Topographie der Altäre einer Kirche in ekklesiologischer Deutung, in: „Das Haus Gottes, das seid ihr selbst“. Mittelalterliches und barockes Kirchenverständnis im Spiegel der Kirchweihe, hg. von Ralf M. W. Stamm berger / Claudia Sticher / Annekatrin Warnke (Erudiri sapientia 6, 2006), S. 189–210. Eine besondere Konstellation lässt sich bei der Weihe der Gandersheimer Stiftskirche 1007 feststellen. Hier wurde der Kreuzaltar vom jüngeren Bruder des anwesenden Königs Heinrich II., Bischof Bruno von Augsburg, geweiht – ein Akt der Memoria, denn am Kreuzaltar war die Grablege Heinrich des Zänkers, des Vaters Heinrichs II. und Bischof Brunos, vgl. Christian Popp , Der Schatz der Kanonissen. Heilige und Reliquien im Frauenstift Gandersheim (Studien zum Frauenstift Gandersheim und seinen Eigenklöstern 3, 2010), S. 65–67.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 9
                Neben Arnulf von Halberstadt und Gero von Magdeburg wurden in Quedlinburg mit Meinwerk von Paderborn35 (1009–1036) und Eilward von Meißen36 (1016–1023) zwei weitere Bischöfe aktiv an der Weihe beteiligt: Meinwerk konsekrierte den altare australe, also den südlichen Altar, Eilward den altare aquilonare, den nördlichen Altar.
                III. Inhaltliche und methodische Vorüberlegung
                Vor einer genaueren Betrachtung der im Weihebericht von 1021 genannten Altartituli und -reliquien sollen zwei kurze Vorbemerkungen die inhaltliche Ausrichtung und die Methodik der folgenden Ausführungen erläutern.
                1. Die baugeschichtlichen Probleme können im Rahmen dieses Aufsatzes nicht behandelt werden. Die Schwierigkeiten, aus der vorhandenen Bausubstanz und den Grabungsbefunden die ottonische Baugestalt und die Abfolge der Umbauten zu rekonstruieren, sind mit Blick auf die Forschungslage unübersehbar. Zuletzt haben sich Gerhard Leopold und Werner Jacobsen in durchaus widersprüchlicher Form dazu zu Wort gemeldet.37 Der Weihebericht von 1021 gibt die Lage der Altäre lediglich mit Himmelsrichtungen an, die Krypta, deren Altarausstattung völlig unklar ist, wird überhaupt nicht erwähnt, so dass hier aus den Schriftquellen keine weitergehenden Schlüsse möglich sind.
                2. Eine genaue Analyse der einzelnen Heiligen in den Auflistungen des Quedlinburger Weiheberichts und Versuche, die Herkunft dieser Kulte zu klären, würde den Umfang dieser Arbeit sprengen, wäre aber auch methodisch fragwürdig angesichts der Vielzahl kirchlicher In35)
                Zur Person Meinwerks und zu seiner Nähe zu Heinrich II. vgl. die Beiträge in: Für Königtum und Himmelreich. 1000 Jahre Bischof Meinwerk von Paderborn. Katalog zur Jubiläumsausstellung im Museum in der Kaiserpfalz und im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn 2009/10, hg. von Christoph Stiegemann / Martin Kroker, 2009.
                36) Zur Person vgl. Willi Rittenbach / Siegfried Seifert, Geschichte der Bischöfe von Meißen 968–1581 (Studien zur katholischen Bistums- und Klostergeschichte 8, 1965), S. 39–43.
                37) Gerhard Leopold, Die ottonischen Kirchen St. Servatii, St. Wiperti und St. Marien in Quedlinburg. Zusammenfassende Darstellung der archäologischen und baugeschichtlichen Forschungen von 1936 bis 2001 (Arbeitsberichte des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 10, 2010), S. 13–108; Werner Jacobsen, Zur Frühgeschichte der Quedlinburger Stiftskirche, in: Denkmalkunde und Denkmalpflege. Wissen und Wirken. Festschrift für Heinrich Magirius zum 60. Geburtstag am 1. Februar 1994, hg. von Ute Reupert, 1995, S. 63–72.
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                stitutionen, die in der ausgehenden Ottonenzeit existierten und über deren Patrozinien und Reliquienbesitz wir zum größten Teil sehr wenig wissen. Natürlich besteht ein offensichtlicher Zusammenhang darin, dass beispielsweise der von Bischof Meinwerk von Paderborn geweihte Altar als Haupttitulus den hl. Liborius, Patron von Dom und Bistum Paderborn, führt.38 Fehlte uns die Kenntnis, dass der Paderborner Bischof an der Weihe beteiligt war, wäre eine einfache Schlussfolgerung von Liborius auf Bischof Meinwerk problematisch, da im 11. Jahrhundert der Liboriuskult bereits andernorts und in anderen Zusammenhängen auftaucht.39 Um hier weiterführende Erkenntnisse zu gewinnen, müssen signifikant selten auftretende Heilige oder Gruppen spezifischer Heiliger identifiziert werden, die eine Thesenbildung zur Provenienz dieser Kulte und Rückschlüsse auf kirchliche Amtsträger erlauben, die den Kult dieser Heiligen distribuieren konnten. Dieser methodische Weg soll im Folgenden eingeschlagen werden.
                IV. Der Hochaltar
                Der Hochaltar (altare suppremum) der Quedlinburger Stiftskirche wurde vom Halberstädter Bischof Arnulf geweiht.40 Die Patrozinien des Hauptaltars sind in der Literatur bereits vielfach besprochen. Mit Ausnahme der Trinität und Johannes des Täufers sind alle Titelheiligen
                38) Vgl. dazu Christian Popp , Das Haus der Heiligen. Kirchweihe und Kirchweihliturgie zur Zeit Meinwerks, in: Für Königtum und Himmelreich (wie Anm. 35), S. 170–175, hier S. 170.
                39) Zur Ausbreitung des Kults des hl. Liborius von Le Mans, dessen Verehrung bereits Anfang des 11. Jahrhunderts weit nach Osten und nach Süddeutschland vorgedrungen war, Volker de Vry, Liborius. Brückenbauer Europas. Die mittelalterlichen Viten und Translationsberichte. Mit einem Anhang der Manuscripta Liboriana, 1997, S. 20 f. mit allen Quellenbelegen.
                40) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 563: … ab Arnulfo, Halberstadensis ecclesiae episcopo, dedicatum est hoc templum et altare suppremum in honore sanctae et individuae trinitatis et sanctae Mariae matris domini sanctique Iohannis baptistae et sancti Petri principis apostolorum, sancti Stephani protomartyris, sancti Dionysii et sociorum eius ac sancti Servatii confessoris. In hoc vero continentur reliquiae sancti confessoris Servatii, sancti Anastasii, sancti Vitalis, sancti Pantaleonis, sanctorum Aquilae et Priscillae, sancti Nicolai, digitus sancti Marci evangelistae, sancti Pancratii, Mauricii et sociorum eius, sancti Clementis, Cornelii et Cypriani, sancti Candidi, sancti Stephani papae et martyris, sancti Viti martyris, sanctae Iustae virginis, sancti Valentini, sancti Iohannis martyris, sancti Alexandri papae et martyris et aliorum plurimorum sanctorum.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 11
                dieses Altares, also Maria, Petrus, Stephanus, Dionysius und Servatius, in unterschiedlichen Konstellationen bereits vor 1021 in der urkundlichen, chronikalischen oder kalendarischen Überlieferung als Patrone der Quedlinburger Stiftskirche zu finden.41 Hinsichtlich des nur 1021 erscheinenden Johannespatroziniums ist bisher übersehen worden, dass der Weihetag von 1021, der 24. September, ein in den karolingischen und ottonischen Kalendern prominent vertretenes Johannesfest ist, das auch vom zeitgenössischen Kalender des Quedlinburger Antiphonars verzeichnet wird. Gefeiert wurde die Concepcio Sci Iohannis bapt,42 also die Empfängnis des Täufers durch Elisabeth neun Monate vor seinem Geburtsfest am 24. Juni, was durchaus eine Erklärung dafür liefern kann, dass dieser Heilige als zusätzlicher Titulus hinzugefügt wurde. Letztendlich setzte sich auf dem Quedlinburger Burgberg der hl. Servatius durch, spätestens seit der Weihe des Neubaus 1129 ist er als Hauptpatron der Kirche deutlich fassbar.43
                In der Liste der in den Hauptaltar rekondierten Reliquien steht der hl. Servatius bereits 1021 an erster Stelle. Bekanntlich verfügte das Stift spätestens seit 937 über Reliquien dieses hl. Bischofs von Tongern (ca. 343–384).44 Auch für andere Heilige dieser Liste lässt sich Reliqui41)
                Zusammenstellung der Quellenbelege zuerst bei Carl Erdmann, Beiträge zur Geschichte Heinrichs I., erschienen 1940–1942, hier zitiert nach dem Wiederabdruck in: ders., Ottonische Studien, hg. von Helmut Beumann, 1968, S. 83–130, hier S. 99 f.
                42) So der Eintrag im Kalender des Quedlinburger Antiphonars zum 24. September: Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 348. Zum Fest und seiner Verbreitung in den Handschriften des karolingischen Reichskalenders Arno Borst (Hg.), Der karolingische Reichskalender und seine Überlieferung bis ins 12. Jahrhundert, 3 Bde. (MGH Libri mem. 2/1–3, 2001), hier 2, S. 1320 f.
                43) Vgl. zuletzt Klaus Gereon Beuck ers, Der Quedlinburger Hochaltar und seine Retabel im Mittelalter, im Barock und im 20. Jahrhundert, in: St. Servatius zu Quedlinburg. Studien zum gotischen Retabel und zum Hochaltar der Stiftskirche, hg. von dems. (Kieler Quedlinburg-Forschungen 2, 2015), S. 29–51, hier S. 29 f. und Anm. 2 mit den wesentlichen Quellen- und Literaturhinweisen.
                44) In MGH DD O I, Nr. 18, S. 105, von 937 Dezember 20 wird die Quedlinburger Kirche erstmals mit dem Servatius-Patrozinium genannt (Qvitilingobvrg ad sanctam Mariam et ad sanctum Servativm). Vermutlich wurden die Reliquien von Giselbert († 939), Herzog von Lothringen und Laienabt des Maastrichter Servatiusklosters, vermittelt. Giselbert hatte 928 Gerberga, die älteste Tochter von König Heinrich I. und Mathilde, geheiratet. Vgl. den Kommentar von Martina Giese (Annales Quedlinburgenses [wie Anm. 3], S. 464 Anm. 800) mit Angabe der einschlägigen Literatur. Zur – für unseren Kontext vernachlässigbaren – Frage, ob die kompletten Gebeine von Maastricht nach Quedlinburg verbracht wurden, zuletzt Klaus Garck e, Die Gebeine des Heiligen Servatius in Quedlinburg?, in: Harz-Zeitschrift 67 (2015), S. 27–32.
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                enbesitz in Quedlinburg nachweisen, so für die Reliquien des hl. Pantaleon, der hl. Justa und des hl. Valentinus,45 die von Kaiser Otto dem Großen von Italien nach Sachsen transferiert worden waren.46
                In der Mehrzahl besteht die Aufzählung der Heiltümer im Hauptaltar aus frühchristlichen Märtyrern mit großer Kultverbreitung. Zur Illustration sei noch einmal die Liste der 20 namentlich genannten Reliquien des Quedlinburger Hauptaltars von 1021 mit Unterstreichung jener Reliquien zitiert, die auch 992 bei der Weihe der Altäre im Halberstädter Dom47 genannt werden oder schon früher in Halberstadt nachzuweisen sind.48 Die große Schnittmenge ist deutlich.
                In hoc vero continentur reliquiae sancti confessoris Servatii, sancti Anastasii, sancti Vitalis, sancti Pantaleonis, sanctorum Aquilae et Priscillae, sancti Nicolai, digitus sancti Marci evangelistae, sancti Pancratii, Mauricii et sociorum eius, sancti Clementis, Cornelii et Cypriani, sancti Candidi, sancti Stephani papae et martyris, sancti Viti martyris, sanctae Iustae virginis, sancti Valentini, sancti Iohannis martyris, sancti Alexandri papae et martyris et aliorum plurimorum sanctorum.
                Bemerkenswert ist, dass mitten in der Auflistung, die nicht der Heiligenhierarchie und auch keinem anderen erkennbaren Ordnungsmuster folgt, fast versteckt eine außergewöhnliche frühchristliche Reliquie, nämlich der Finger des Evangelisten Markus, auftaucht. Zentren der Verehrung von Reliquien des Evangelisten waren im 9. und 10. Jahrhundert Venedig, Aquileia und die Reichenau,49 insofern ist die
                45) Quellenbelege im Kommentar zu den Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 312 f. (Pantaleon, Valentinus) und S. 317 f. mit Anm. 1002 (Justa).
                46) Zur Überführung von Reliquien südalpiner Märtyrer nach Sachsen durch Otto I. vgl. Wolfgang Huschner, Transalpine Kommunikation im Mittelalter. Diplomatische, kulturelle und politische Wechselwirkungen zwischen Italien und dem nordalpinen Reich (9.–11. Jahrhundert), 3 Teilbde. (MGH Schriften 52, 2003), hier 2, S. 685–711.
                47) Gesta episcoporum Halberstadensium, ed. Ludwig Weiland, in: MGH SS 23, S. 86–88, ad a. 992.
                48) Vgl. die Zusammenstellung der Reliquien des Halberstädter Domes bei Petra Janke, Ein heilbringender Schatz. Die Reliquienverehrung am Halberstädter Dom im Mittelalter. Geschichte, Kult und Kunst, 2006, S. 279–300.
                49) Vgl. dazu jüngst Francesco Veronese, Saint Marc entre Venise et Reichenau. Les reliques de l’évangêliste comme objet et enjeu de compétition (IXe–Xe siècles), in: Compétition et sacré au haut Moyen Âge. Entre médiation et exclusion, hg. von Philippe Depreux / François Bougard / Régine Le Jan (Haut Moyen Âge 21, 2015), S. 295–312. Grundlegend zur Kultausbreitung Antonio Niero, Marco, Evangelista, santo. III. Culto, in: Bibliotheca Sanctorum (BiblSS), hg. von Filippo Caraffa u. a., 12 Bde. und Register, 1961–1970, hier 8, Sp. 724–734.
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                Rekondierung einer Fingerreliquie (digitus) des Markus im Hauptaltar der Quedlinburger Stiftskirche ungewöhnlich, kann aber mangels Quellen nicht weiter nachverfolgt werden.
                V. Der Heilig-Kreuz-Altar
                Den an zweiter Stelle genannten Heilig-Kreuz-Altar in medio ecclesiae weihte Erzbischof Gero von Magdeburg.50 Korrespondierend mit dem Haupttitulus wird der Altar durch hochrangige Herrenreliquien ausgezeichnet, durch Reliquien vom Kreuzesholz und von der Dornenkrone Christi. Letztere wurde auch 1012 bei der Weihe des Bamberger Domes in den dortigen Kreuzaltar rekondiert. Hingewiesen sei hier exemplarisch auf das Brüderpaar Laurentinus und Pergentinus, das gleich hinter dem Heilig-Kreuz-Titulus und in der Auflistung der Reliquien direkt hinter den Herrenreliquien und damit noch vor dem Magdeburger Dompatron Mauritius genannt wird. Der Kult dieser beiden Märtyrer, die der Legende nach unter Kaiser Decius Mitte des 3. Jahrhunderts enthauptet worden sind, stammt aus Arezzo und ist nördlich der Alpen im 10. und 11. Jahrhundert wenig verbreitet.51 Obwohl ihr Festtag, der 3. Juni, in den einschlägigen frühen Martyrologien verzeichnet ist, wird er nur von wenigen Kalendarien der Karolinger- und Ottonenzeit vermerkt.52 Zu finden ist er allerdings in der frühen Magdeburger Kalenderüberlieferung, so im Magdeburger Nekrolog aus dem Brüsseler Kodex. Dieser Kalender wurde vor 990 in St. Gallen angelegt und nach 1009 im Magdeburger Domkapitel nach eigenen Bedürfnissen ergänzt. Zum 3. Juni vermerkt die Magdeburger Hand den Festeintrag Pergen50)
                Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 563 f.: Altare in medio ecclesiae dedicatum est a Gerone archiepiscopo Magadeburgensi in honore sanctae et victoriosissimae crucis et sanctorum martyrum Laurentii et Pergentini fratrum, sancti Laurentii et Vincentii, sancti Blasii, sancti Christophori, sancti Erasmi martyris, sanctorum Cosmae et Damiani, sancti Clementis, sancti Mauricii et sociorum eius, et in hoc altari continetur lignum sanctae crucis spinea corona, et in hoc ipso continentur reliquiae sanctorum martyrum Laurentini et Pergentini, sancti Mauritii sociorumque eius, sancti Vitalis, sancti Georgii, sancti Vincentii, sancti Blasii, sancti Fabiani et Sebastiani, sancti Christophori, sanctorum Cosmae et Damiani, sancti Eustachii, sancti Quintini, sancti Liborii confessoris.
                51) Vgl. Agostino Amore / Maria Chiara Celletti, Pergentino e Lorentino, santi, martiri di Arezzo, in: BiblSS 10 (wie Anm. 49), Sp. 489–491.
                52) Borst, Reichskalender 2 (wie Anm. 42), S. 955 f.
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                tini et Laurentini martyrum.53 Da sich auch Reliquien des hl. Pergentinus in der Magdeburger Überlieferung nachweisen lassen, die von Otto dem Großen der Magdeburger Kirche übereignet worden sein sollen,54 dürfen wir hier wohl davon ausgehen, dass die Reliquien der beiden Heiligen aus Arezzo ebenso wie die Heiltümer des Magdeburger Patrons Mauritius als Gabe des weihenden Erzbischofs Gero von Magdeburg in das Reliquiensepulchrum des Quedlinburger Heilig-Kreuz-Altares gewandert sind. Noch im ausgehenden Mittelalter kam der Verehrung des Brüderpaares Laurentinus und Pergentinus in Quedlinburg ein besonderer Stellenwert zu.55
                53) Kalendarium Parthenopolitanum, Brüssel, Bibliothèque Royale Albert Ier, 1814–16, fol. 1r–17v, hier fol. 8r. Faksimile in: Die Totenbücher von Merseburg, Magdeburg und Lüneburg, hg. von Gerd Althoff / Joachim Wollasch (MGH Libri mem. N.S. 2, 1983), S. 49. Beschreibung des Kalenders bei Borst, Reichskalender 1 (wie Anm. 42), S. 248 f.
                54) Im Jahr 1166 übereigneten Erzbischof Wichmann von Magdeburg und der Magdeburger Domdekan Siegfried den Zisterziensernonnen in Ichtershausen eine große Anzahl von Reliquien, Partikeln von rund 90 verschiedenen Heiligen, die – dem Wortlaut der Urkunde zufolge – einst durch Otto den Großen in die Magdeburger Kirche transferiert worden waren, darunter auch Reliquien des hl. Pergentinus, vgl. Gottfried Wentz / Berent Schwineköper, Das Erzbistum Magdeburg, Bd. 1,1: Das Domstift St. Moritz in Magdeburg (Germania Sacra A. F. Abt. 1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg, 1972), S. 227; Paul Bertrand, Le trésor des reliques de Magdebourg sous les Ottoniens, in: Autour de Saint Maurice. Actes du colloque politique, société et construction identitaire „Autour de Saint Maurice“, hg. von Nicole Brocard / Françoise Vannotti / Anne Wagner, 2011, S. 177–218, hier S. 206, der auch auf die Exklusivität der Verehrung von Laurentinus und Pergentinus in Quedlinburg und Magdeburg in dieser Zeit hinweist.
                55) Ein Accord-Zettel wegen drey neuer Brustbilder überliefert den Vertrag zwischen Äbtissin, Pröpstin und Dekanin des Quedlinburger Kanonissenstifts mit dem Quedlinburger Goldschmied Meister Michell über die Anfertigung dreier Büstenreliquiare in dy Ere der lieben Heyligenn Laurentini Pergentini Mertere, vnnd Sandte Justa, Jungkffraw. Ediert im Codex diplomaticus Quedlinburgensis, hg. von Anton Ulrich von Erath, Frankfurt/Main 1764, S. 869 f.; auch abgedruckt bei Voigtländer, Stiftskirche St. Servatii (wie Anm. 6), S. 196 f. Dazu zuletzt Katharina Ulrike Mersch, Soziale Dimensionen visueller Kommunikation in hoch- und spätmittelalterlichen Frauenkommunitäten. Stifte, Chorfrauenstifte und Klöster im Vergleich (Nova Mediaevalia. Quellen und Studien zum europäischen Mittelalter 10, 2012), S. 399 f. Ein Quedlinburger Brevier des 13./14. Jahrhunderts enthält Collectae laurentini et per[gentini], ein weiteres von 1501 eine Passio sanctorum martyrum laurentini et pergentini, Halle, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Qu. Cod. 136 und 132, vgl. Jutta Fliege, Die Handschriften der ehemaligen Stifts- und Gymnasialbibliothek Quedlinburg in Halle (Arbeiten aus der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle a. d. Saale 25, 1982), S. 250 und 235.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 15
                VI. Der nördliche und der südliche Altar
                Die als südlich (altare australe) und nördlich (altare aquilonare) bezeichneten Altäre, geweiht vom Paderborner Bischof Meinwerk und vom Meißner Bischof Eilward, befanden sich vermutlich im südlichen bzw. nördlichen Querschiff der Stiftskirche und sind hinsichtlich ihrer Reliquienausstattung weniger aussagekräftig. Für den südlichen, von Meinwerk dedizierten Altar gibt die Quedlinburger Annalistin lediglich die Altartituli wieder, eine Auflistung der während der Weihehandlung in den Altar eingebrachten Reliquien fehlt aus unbekannten Gründen.56 Auf den offensichtlichen Zusammenhang zwischen dem weihenden Paderborner Bischof und dem Hauptpatron des Altares, dem hl. Liborius, ist bereits eingangs hingewiesen worden.
                Der nördliche Altar wurde dem Jünger Bartholomäus und allen Aposteln gewidmet, seine Reliquienausstattung konzentriert sich auf den engeren und erweiterten Jüngerkreis Jesu, vermehrt um Reliquien des hl. Vitus, der nicht so recht in diese Liste passen will.57 Auch in diesem Altar findet sich wieder eine Reliquie des Evangelisten Markus.
                VII. Die Altäre im Westteil der Kirche und die früheren Weihen der Stiftskirche
                Wenden wir uns nun den beiden im Weihebericht zuletzt genannten Altären zu, von denen bisher noch nicht die Rede war. Sie befanden sich in occidentali parte, also im westlichen Teil der Kirche, der erste wird als südlicher, der zweite als nördlicher Altar bezeichnet. Beide Altäre werden ohne Konsekranten genannt, was zuerst Karl Josef Benz 1975 zu der These veranlasste, diese Altäre seien 1021 gar nicht geweiht worden: „Bezeichnenderweise gebraucht AQ [Annales Quedlinbur56)
                Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 564: Altare australe dedicatum est a Meinwerco Pathelburnensi episcopo in honore sancti Liborii, omnium sanctorum et electorum dei, Victoris, Candidi, Exuperii, aliorum sociorum, sancti Mauricii, sancti Hyppoliti, sancti Pantaleonis, sancti Ciriaci, sancti Adriani et aliorum plurimorum sanctorum.
                57) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 564: Altare aquilonare dedicatum est ab Eilvardo Misnensi episcopo in honore sancti Bartholomaei apostoli et omnium apostolorum et evangelistarum et discipulorum domini, et in hoc ipso altari continentur reliquiae sancti Petri principis apostolorum, sancti Pauli, sancti Andreae, sancti Iacobi, sancti Thomae, sancti Bartholomaei, sancti Philippi, sancti Mathaei, sanctorum Simonis et Iudae, sancti Barnabae, sancti Viti, sancti Marci evangelistae.
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                genses, C.P.] in diesem Zusammenhang auch keinen Ausdruck, der auf eine Weihe schließen ließe, etwa dedicatum est oder consecratum est. Er nennt nur die Altäre, ihre Patrone und Reliquien. Wenn also diese beiden Altäre 1021 nicht geweiht wurden, so deshalb, weil sie schon 997 bei der Weihe des damals fertiggestellten ersten Bauabschnittes, zu dem Westteil und Langhaus zählten, konsekriert worden waren. Möglicherweise zählte der Verfasser der Annalen, der ja, wie wir schon sahen, gerne etwas übertreibt, im Zusammenhang der Kirchweihe von 1021 diese beiden Altäre, über deren Patrone und Reliquien er sich informieren konnte, mit auf, um die Reihe der geweihten Altäre zu verlängern oder der Vollständigkeit halber.“58 Dieser These hat sich die Forschung mehrheitlich angeschlossen.59 Verstärkt wurde sie zusätzlich durch die Arbeit Hartmut Möllers zum Quedlinburger Antiphonar aus dem Jahr 1990. Dem Antiphonar ist ein Quedlinburger Kalender vorgebunden, der wohl etwa zeitgleich mit dem Weihebericht, also in den frühen 1020er Jahren, entstanden ist.60 Möller hat den Heiligenbestand des Weiheberichts mit dem Heiligenbestand des Kalenders abgeglichen und kam zu dem Ergebnis, dass 92 Namensnennungen im Weihebericht eine Entsprechung im Kalender besitzen, lediglich 17 Namen von Titelheiligen bzw. Altarreliquien im Weihebericht sind im Kalender nicht vorhanden.61 Von diesen 17 Namen sind zehn den beiden Altären
                58) Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 185.
                59) Vgl. Schubert, St. Wiperti und St. Servatii (wie Anm. 8), S. 66; Leopold, Ottonische Kirchen (wie Anm. 37), S. 65.
                60) Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Mus.ms. 40047, fol. 1r–6r (Januar fehlt); ein Digitalisat der Handschrift ist auf den Seiten der SBB verfügbar. Die jüngsten Einträge von der anlegenden Hand sind der Memorialeintrag für den Halberstädter Propst Athelger († 23. Dezember [1018]) und die Weihe der Stiftskirche (24. September [1021]). Zur Datierung des Kalenders vgl. zuletzt Hartmut Hoffmann, Schreibschulen und Buchmalerei. Handschriften und Texte des 9.–11. Jahrhunderts (MGH Schriften 65, 2012), S. 88. Möller, Quedlinburger Antiphonar 1 (wie Anm. 7), S. 32–36, folgt den – wie noch zu zeigen sein wird – irrigen Argumenten Carl Erdmanns und datiert den Kalender in die Zeit nach 1025 und vor 1070. Bodarwé, Sanctimoniales litteratae (wie Anm. 10), S. 167 f., geht von einer Entstehung im zweiten Viertel des 11. Jahrhunderts aus.
                61) Keinen Eintrag im Kalender des Quedlinburger Antiphonars haben Aquilae et Priscillae, Pancratii (Reliquien im Hauptaltar), Christophori, Erasmi martyris (Tituli bzw. Reliquie im Kreuzaltar), Exuperii (Titulus im südlichen Altar), Bartholomaei apostoli (Titulus und Reliquie im nördlichen Altar), Meinulfi, Eucharii, Ludovici, Metroni, Adulfi confessoris (Tituli bzw. Reliquie im südlichen Altar im Westteil), Walburgae, Mariae Zozimae, Odiliae, Adeldridae, Sophiae (Tituli bzw. Reliquie im nördlichen Altar im Westteil), vgl. Möller, Quedlinburger Antiphonar 1 (wie Anm. 7), S. 218–224.
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                im Westen der Kirche zugeordnet, so dass Möller die Vermutung von Benz untermauert sieht, dass die ersten vier Altäre derselben Tradition angehören, in der auch der Kalender entstand, dass die beiden westlichen Altäre, die zu 1021 ohne Konsekranten genannt werden, jedoch bereits 997 geweiht worden sind.62
                Eine weitere Beobachtung sei noch hinzugefügt: Die Anzahl der Altartituli bei den oben behandelten ersten vier Altären im Quedlinburger Weihebericht bewegt sich zwischen zwei und zwölf – das ist beispielsweise auch der Rahmen für die 992 in Halberstadt geweihten Altäre.63 Die acht Altäre im nahezu idealtypischen Bericht zur Bamberger Weihe von 1012 tragen zwei bis sechs Patrozinien.64 Dagegen ist das Verhältnis von Patrozinien und Reliquien im fünften Quedlinburger Altar, der sich in südlicher Lage im Westteil der Kirche befand, völlig aus dem Ruder gelaufen. Hier stehen sage und schreibe 32 Altartituli einer kleinen Anzahl von sechs Altarreliquien gegenüber.65 Es entsteht der Eindruck, dass hier Tituli von Altären, die während des Kirchenum- oder -neubaus abgebrochen oder verlegt worden sind, auf diesen Altar übertragen wurden. Dies steht in keinem Widerspruch zur These von Benz, ganz im Gegenteil spricht auch diese Beobachtung dafür, dass der Altar nicht den neu errichteten und geweihten Altären des Baus von 1021 zuzurechnen ist, sondern einem früher geweihten Bauabschnitt der Kirche angehörte. Das gilt dann auch für den nördlichen Altar im Westteil der Kirche, dessen Tituli und Reliquien ausschließlich den
                62) Möller ordnet von den 17 Heiligennamen, die im Kalender fehlen, fälschlich elf den beiden Altären im Westteil zu, da er den hl. Erasmus als Titulus des südlichen Altares im Westteil führt. Tatsächlich steht der Märtyrer Erasmus an sechster Stelle unter den Patrozinien des Kreuzaltares in medio ecclesiae.
                63) Vgl. die synoptische Quellenzusammenstellung zur Halberstädter Weihe im Jahr 992 bei Benz, Untersuchungen (wie Anm. 9), S. 234–236.
                64) Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis, ed. Jaffé (wie Anm. 12), S. 635 f.
                65) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 565: In occidentali parte altare australe in honore sancti Remigii, sancti Ciriaci martyris et sociorum eius, sancti Sisti papae et martyris, sanctorum Johannis et Pauli, sanctorum IIII coronatorum, sancti Bonifacii et sociorum eius, sancti Kiliani sociorumque eius, sancti Donati martyris, sancti Wenceslavi martyris, sancti Anastasii papae, sancti Innocentii, sancti Magni martyris, sancti Lamberti martyris, sancti Magni confessoris, sancti Odalrici, sancti Sixti, sancti Arnulfi, sancti Meinulfi, sancti Gundulfi, sancti Lutgeri, sancti Wigberti martyris, sancti Maximini, sancti Valerii, sancti Eucharii, sancti Ludovici, sancti Paulini Treverensis, sancti Paulini Nolanae civitatis episcopi, qui pro filio viduae se tradidit servituti, sancti Ethelberti, sancti Martini confessoris, sancti Metroni, sancti Zenonis. In hoc ipso altari continentur reliquiae sancti Donati martyris, sancti Quintini martyris, sancti Materniani confessoris, sancti Adulfi confessoris, sancti Germani confessoris, sanctarum virginum de Colonia.
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                hl. Jungfrauen vorbehalten blieben.66 An erster Stelle der Patrozinien stehen mit Stephana, Laurentia und Justa Heilige, deren corpora in den Jahren von 962 bis 965 von Otto dem Großen aus Italien nach Quedlinburg transferiert worden waren.67 Auch bei diesem Altar ist mit 22 Tituli eine ungewöhnliche Häufung von Patrozinien zu konstatieren.
                Wir können demnach die Weihe von 1021 nicht isoliert betrachten, sondern müssen zugleich die Quellen zu früheren Dedikationen der Quedlinburger Stiftskirche befragen. Die Quedlinburger Annalen berichten zu 997, dass auf Initiative von Äbtissin Mathilde (966–999), der Tochter Ottos des Großen, eine Kirche von größerem und höherem Mauerwerk zu Ehren des hl. Servatius errichtet worden sei, die sie am 10. März weihen ließ.68 Konsekrator war der Halberstädter Bischof Arnulf cum aliis archipraesulibus et episcopis, so die vage Formulierung der Chronistin. Weitere Einzelheiten, beispielsweise zu Anzahl, Lage oder Patrozinien der geweihten Altäre, sind nicht zu erfahren.69 Dies hängt
                66) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 565 f.: In occidentali parte altare aquilonare in honore sanctarum virginum, sanctae Stephanae, Laurentiae, Iustae, Pusinnae, sanctae Ceciliae, sanctae Petronellae, sanctae Gertrudis, sanctae Walburgae, sanctae Agnetis, sanctae Aghatae, sanctae Teclae, sanctae Barbarae, sanctae Afrae, sanctarum virginum Coloniensium, sanctae Mariae Magdalenae, sanctae Mariae Zozimae, sanctae Felicitatis, septem filiorum eius, sanctae Odiliae, sanctae Luciae, sanctae Adeldridae, sanctae Margaretae, omnium sanctarum virginum, et in hoc ipso altari continentur reliquiae sanctarum virginum sanctae Laurentiae, sanctae Iustae, sanctae Agathae, sanctae Walburgae, sanctae Margaretae, sanctae Luciae, sanctae Iulianae, sanctae Columbanae, sanctae Ceciliae, sanctae Sophiae, sanctae Felicitatis, sanctae Afrae, sanctae Praxedis, sanctae Gertrudis.
                67) Quellenbelege im Kommentar zu den Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 312 f. mit Anm. 984 (Laurentia), S. 316 (Stephana) und S. 317 f. mit Anm. 1002 (Justa). Vgl. auch Schubert, St. Wiperti und St. Servatii (wie Anm. 8), S. 47 f.
                68) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 494: Hoc anno instauratio sanctae metropolitanensis ecclesiae in Quedelingnensi castello iussu imperialis filiae, Machtildis abbatissae, omni studio peragitur. Quam cum ab avo aviaque, regibus scilicet Heinrico et Machtilde, constructam arctiorem, quam tantae celsitudinis ius exigebat, propter confluentis populi frequentiam cerneret, innata ac concreta sibi benevolentia ad augmentum eiusdem in honore sancti Servatii archiepiscopi et confessoris latioris et altioris structurae aedificium apponere curavit, quod etiam totius conventu cleri ac populi ab Arnulfo, Halberstadensi episcopo nuper ordinato, cum aliis archipraesulibus et episcopis, quos modo nominatim evolvere longum est, congruenter ad decorandam dei domum VI. Idus Martii dedicari fecit.
                69) Die Nachricht wird im Kontext der archäologischen Befunde in der baugeschichtlichen Forschung unterschiedlich interpretiert. Gerhard Leopold sieht in der Langhausweihe den ersten Abschluss eines umfassenden Neubaus der Stiftskirche, vgl. Leopold, Ottonische Kirchen (wie Anm. 37), S. 55–57; Gerhard Leopold, Die
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                sicher auch mit der Genese der Quedlinburger Annalen zusammen, die nicht vor 1008 verfasst worden sind und für die älteren Berichtsjahre, insbesondere den Zeitraum vor 1003, auf Vorlagen angewiesen waren.70 Weitere Altarweihen neben den Kirchweihen von 997 und 1021 nennen die Annalen nicht.
                Zusätzliche Informationen zu Altar- und Kirchweihen bringt die kalendarische Überlieferung Quedlinburgs. Von Interesse ist hier ein Kalender Hildesheimer Provenienz aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, der später nach Quedlinburg gekommen sein muss und dort mit etwa 70 Nachträgen versehen wurde. Die ergänzten Festtage und Namen von Verstorbenen sind ins 14. Jahrhundert zu datieren und eindeutig der Quedlinburger Kanonissengemeinschaft zuzuordnen.71 Zum 10. März finden wir hier den Eintrag Dedicatio antique [ecclesie],72 der auf die Kirchweihe des Jahres 997, die am 10. März stattfand, Bezug nimmt. Für die vermeintlich prominentere Weihe der Stiftskirche am 24. September 1021, die unter Anwesenheit des Kaiserpaares vonstattenging, fehlt eine Notiz zum entsprechenden Tagesdatum.
                Noch interessanter sind die drei eindeutig auf die Servatiuskirche zu beziehenden Dedikationseinträge, die der schon oben erwähnte
                Stiftskirche der Königin Mathilde in Quedlinburg. Ein Vorbericht zum Gründungsbau des Damenstifts, in: FmSt 25 (1991), S. 145–170, besonders S. 168–170. Werner Jacobsen sieht darin den Abschluss eines erweiternden Umbaus der bestehenden Kirche und geht von einem wesentlich größeren Neubau erst ab ca. 1010 aus, der mit der Weihe von 1021 abgeschlossen wurde, vgl. Jacobsen, Frühgeschichte (wie Anm. 37), besonders S. 67–69.
                70) Vgl. die editorischen Bemerkungen zur Abfassungszeit in Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 47–49.
                71) Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 13 Aug. 2°, fol. 2–6; Faksimile: Das goldene Hildesheimer Kalendarium. Limitierte Faksimile-Edition, Stuttgart 2003. Ausführliche Beschreibung des Kalenders bei Renate Kroos, Kalendarium und zwei Bildseiten, in: Wolfenbütteler Cimelien. Das Evangeliar Heinrichs des Löwen in der Herzog August Bibliothek (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 58, 1989), S. 167–170, mit Angabe der älteren Literatur; vgl. auch jüngst Claudia Moddelmog, Königliche Stiftungen des Mittelalters im historischen Wandel. Quedlinburg und Speyer, Königsfelden, Wiener Neustadt und Andernach (StiftungsGeschichten 8, 2012), S. 54 f. Die im Servatiusstift ergänzten Heiligeneinträge sind abgedruckt bei Renate Kroos, Drei niedersächsische Bildhandschriften des 13. Jahrhunderts in Wien (Abh. Göttingen III/56, 1964), S. 194–196. Ein um 1200 vermutlich im Quedlinburger Servatiusstift entstandener Kalender in einem Psalterium cum canticis (Helmstedt, Ehemalige Universitätsbibliothek, I Hs 1, fol. 3r–8r) enthält keine Dedikationseinträge. Digitalisat und Beschreibung von Bertram Lesser in der Handschriftendatenbank der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, abgerufen am 22. Juni 2016.
                72) Kroos, Bildhandschriften (wie Anm. 71), S. 194.
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                Kalender im Quedlinburger Antiphonar aus den 1020er Jahren bietet. Zum 10. März verzeichnet der Kalender die dedicatio ecclesie Sci Petri & Sci Stephani,73 also die ältere Kirchweihe des Jahres 997. Am 24. September wurde – wie eingangs angesprochen – in Quedlinburg das Fest der Empfängnis Johannes’ des Täufers begangen, zugleich wird in dem zeitgenössischen Kalender bereits das Kirchweihfest von 1021 memoriert: Concepcio Sci Iohannis bapt & dedicatio Sci Servacii conf.74 Darüber hinaus findet sich noch ein dritter Weiheeintrag, der zu beachten ist, und zwar für den 30. März. Hierzu heißt es im Kalender: dedicatio scę Laurentię / scę Stephane In orientali parte.75 Die corpora der hl. Jungfrauen Laurentia und Stephana wurden in den Jahren 962 und 964 durch Kaiser Otto I. aus Italien nach Quedlinburg transferiert, dies belegen die Ableitungen der für diesen Zeitraum wegen einer Textlücke nicht überlieferten Annales Quedlinburgenses.76 Insofern ist die Weihenotiz im Kalender des Quedlinburger Antiphonars ohne Zweifel auf einen Altar St. Laurentia und Stephana in der Servatiuskirche zu beziehen. Carl Erdmann hat diesen Dedikationsbeleg mit zwei bei den Grabungskampagnen von Hermann Wäscher in den Jahren von 1938 bis 1942 gefundenen tiefen Schachtanlagen im Bereich der Krypta in Verbindung gebracht, erstere westlich der sogenannten Confessio, die zweite acht Meter westlich davon am Ostende der Vierung.77 Erdmann vermutete, dass diese ‚Katarakte‘ bei einer Erweiterung der Krypta nach 1021 angelegt worden sind. Er deutete sie in höchst spekulativer Weise als Reliquienschächte zur Aufnahme der vollständigen Heiligenleiber der Laurentia und Stephana. Demnach sei der 1021 im Westen situierte Laurentia- und Stephana-Altar nach 1025 und vor dem Kirchenbrand 1070 als Kryptaaltar in den Osten gewandert.78
                73) Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Mus.ms. 40047, fol. 1v; Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 334.
                74) Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Mus.ms. 40047, fol. 4v; Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 348.
                75) Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Mus.ms. 40047, fol. 1v; Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 335.
                76) Annales Magdeburgenses zu 962 sowie Annalista Saxo zu 962 und 964. Siehe oben Anm. 67.
                77) Hermann Wäscher, Der Burgberg in Quedlinburg. Geschichte seiner Bauten bis zum ausgehenden 12. Jahrhundert nach den Ergebnissen der Grabungen von 1938 bis 1942 (Schriften des Instituts für Theorie und Geschichte der Baukunst, 1959), S. 40 f. sowie die Abbildungen 123 und 124 zur Lage der Schächte.
                78) Erdmann, Beiträge (wie Anm. 41), S. 104 f. Zu den Krypta-Katarakten vgl. zuletzt Leopold, Ottonische Kirchen (wie Anm. 37), S. 50 f. Leopold nimmt an, dass der im Westen an die Confessio anschließende Schacht bereits vor der
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 21
                Verdeutlichen wir uns noch einmal die Situation: Im Weihebericht von 1021, zeitnah von der Verfasserin der Annalen übernommen, wird ein Altar der hl. Stephana und Laurentia in occidentali parte genannt, der wahrscheinlich einer älteren Weihe zuzurechnen ist. Im Kalender des Quedlinburger Antiphonars, das die jüngere Forschung in den Anfang der 1020er Jahre datiert,79 wird – nahezu zeitgleich – eines Altares gedacht, der zu Ehren der hl. Laurentia und Stephana geweiht wurde und in orientali parte lokalisiert wird. Auch ohne noch baugeschichtlich zu hinterfragen, was denn die pars orientalis bzw. occidentalis überhaupt genau bezeichnen soll, liegt hier ein Widerspruch, der nicht aufgelöst werden kann. Angesichts der identischen Formulierung in ... parte liegt meines Erachtens die einzige sinnvolle Erklärung darin, dass im Kalender eine Verwechslung vorliegt und hier statt occidentali fehlerhaft orientali eingetragen wurde. Dann ergäbe sich ein organisches Bild in der Abfolge der Weihen: Der Umbau bzw. ein erster Abschluss des Neubaus der Stiftskirche wurde mit der Weihe am 10. März 997 gefeiert. Mit einer Weihe des Stephana- und Laurentia-Altares am 30. März eines unbekannten Jahres, jedoch vor 1021, wurde ein weiterer Bauabschnitt im Westteil der Servatiuskirche abgeschlossen, die Fertigstellung des Ostteils wurde schließlich am 24. September 1021 unter Anwesenheit des Kaiserpaares mit der Konsekration von Hochaltar, Kreuzaltar und zwei Altären, die sich vermutlich im südlichen und nördlichen Querschiff befanden, feierlich begangen. Diese Kirche blieb bis zum Brand 1070 bestehen, was weitere bauliche Veränderungen im Kryptabereich auch nach 1021 natürlich nicht ausschließt. Die Erdmann’schen Phantasien von zwei Altargräbern in der Krypta zu Ehren der hll. Jungfrauen Stephana und Laurentia sind aber in jedem Fall zu streichen, da auch in der späteren Überlieferung jeder Quellenbeleg dafür fehlt.
                Nun sei der Blick noch einmal auf den an fünfter Stelle genannten Altar zu Ehren des hl. Remigius und vieler anderer im Weihebericht von 1021 gelenkt. Wie schon angesprochen, können wir wohl davon ausgehen, dass dieser ohne Angabe eines weihenden Bischofs aufgeführte Altar mit seiner Vielzahl von 32 Tituli einer älteren Weihestufe angehört, möglicherweise sind diese Altartituli bzw. ein Teil dieser Heiligennamen der Kirchweihe unter Äbtissin Mathilde im Jahr 997
                Beisetzung König Heinrichs unter seinem Sarkophag eingetieft worden war. „Ursprünglich konnte der ‚Katarakt‘ unter dem Grabe König Heinrichs in kostbaren Behältnissen Reliquien umschlossen haben. Vielleicht sollte der zweite ‚Katarakt‘, den Wäscher am Ostende der Vierung aufdeckte, eine ähnliche Aufgabe erfüllen.“
                79) Hoffmann, Schreibschulen (wie Anm. 60), S. 88.
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                zuzurechnen. Hier ergeben sich nun interessante Perspektiven: So fällt bei der Durchsicht der 32 Patrozinien dieses Altares eine größere, zusammenhängende Gruppe von Trierer Heiligen ins Auge, deren Auftreten im ostsächsischen Raum erklärungsbedürftig ist. Als 23. bis 27. Altartituli werden genannt: sancti Maximini, sancti Valerii, sancti Eucharii, sancti Ludovici, sancti Paulini Treverensis.80 Vier der fünf Heiligen sind leicht zu identifizieren, es handelt sich um die frühen und als heilig verehrten Trierer Bischöfe Maximin, Valerius, Eucharius und Paulinus. Schwierigkeiten bereitet dagegen der zwischen Eucharius und Paulinus verzeichnete sanctus Ludovicus. In der bisherigen Literatur sind keine seriösen Deutungsvorschläge zu finden, Martina Giese belässt es im Register ihrer Neuedition der Annales Quedlinburgenses bei der Bemerkung „Identifikation fraglich“.81 Zunächst ist festzuhalten, dass die Nennung eines sanctus Ludovicus in der Zeit um das Jahr 1000 anachronistisch ist, da der älteste bekannte Heilige namens Ludwig ins 12. Jahrhundert datiert.82 Wir haben hier mit Sicherheit eine der fehlerhaften orthographischen Varianten vor uns, wie sie angesichts der Überlieferungsgeschichte der Quedlinburger Annalen nicht ungewöhnlich und vielfach zu finden sind.83 Zu denken wäre in erster Linie an die Form Ludwini, die – in lateinischer Schrift gedacht – schnell zu Ludovici verlesen werden kann. Mit Ludwinus/Liutwinus sind wir nun schon bei einem weiteren heiligen Trierer Bischof, dem Stifter der Benediktinerabtei Mettlach, der auch an der Gründung des Klosters Echternach durch Irmina von Oeren beteiligt war. Ludwin starb um 721/22 und wurde in seiner Gründung Mettlach beigesetzt.84 Seine von
                80) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 565; Regesten der Bischöfe und Erzbischöfe von Trier 1,1: Grundlegung der kirchlichen Organisation, die ersten Bischöfe – ihre Spiegelung in Zeugnissen von der Spätantike bis zum späteren Mittelalter, bearb. von Hans Hubert Anton (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 83, 2015), Nr. 62 bm, S. 492. Anton datiert die Nennung der Trierer Bischöfe in der Liste der Quedlinburger Altartituli (hier fälschlich als Reliquien verzeichnet) auf „997 März 10/1021“.
                81) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 617; vgl. Möller, Quedlinburger Antiphonar 1 (wie Anm. 7), S. 224 mit Anm. 15.
                82) Vgl. die Artikel zum Lemma „Ludovico“ in BiblSS 8 (wie Anm. 49), Sp. 298–314. Der älteste Heilige dieses Namens ist Ludwig von Arnstein († 1185), Gründer des Prämonstratenserstifts Arnstein an der Lahn, vgl. Giovanni Battista Valvekens, Ludovico, conte di Arnstein, beato, in: ebd., Sp. 307.
                83) Zu den Textfehlern im Dresdner Codex unicus vgl. Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 377–379 mit Anm. 1228.
                84) Zu Ludwin/Liutwin vgl. zuletzt Ernst Gierlich, Die Grabstätten der rheinischen Bischöfe vor 1200 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen
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                Mettlach ausgehende Verehrung als Heiliger lässt sich in Trier zuerst in der Mitte des 10. Jahrhunderts und dann verstärkt unter Erzbischof Egbert (977–993) quellenmäßig fassen.85 Vereinzelte Belege zeigen, dass Liutwin schon im 10. Jahrhundert auch außerhalb der Trierer Diözese liturgisch verehrt wurde. In unserem Zusammenhang ist der Kalender im Essener Sakramentar D2 zu nennen, angelegt vor der Jahrtausendwende im Kanonissenstift Essen, das den heiligen Trierer Bischof an seinem Festtag, dem 29. September, verzeichnet.86
                Bekanntermaßen waren die Verbindungen zwischen der Trierer Kirche und Sachsen im 10./11. Jahrhundert vielfältig – erinnert sei hier nur an die enge Beziehung zwischen der lothringischen Reformabtei St. Maximin vor Trier und dem ottonischen Herrscherhaus, die unter anderem zur Entsendung von Maximiner Mönchen als Gründungskonvent nach St. Mauritius in Magdeburg im Jahr 938 führte.87 Dennoch
                Kirchengeschichte 65, 1990), S. 51–54; Hans Hubert Anton, Trier vom Beginn des 6. bis zum Ende des 8. Jahrhunderts, in: 2000 Jahre Trier, Bd. 2: Trier im Mittelalter, hg. von dems. / Alfred Haverkamp , 1996, S. 22–67, hier S. 66 f.; Thomas Bauer, Von der (spät)merowingischen zur hochkarolingischen Zeit (613–ausgehendes 8. Jahrhundert), in: Geschichte des Bistums Trier, Bd. 1: Im Umbruch der Kulturen. Spätantike und Frühmittelalter, hg. von Heinz Heinen / Hans Hubert Anton / Winfried Weber (Veröffentlichungen des Bistumsarchivs Trier 38, 2003), S. 221–254, hier S. 239–242.
                85) Vgl. Konrad Kunze, Ludwino, vescovo di Treviri, santo, in: BiblSS 8 (wie Anm. 49), Sp. 314 f. Bereits 952 lassen sich Reliquien des hl. Liutwin im Benediktsaltar der Außenkrypta von St. Maximin zu Trier nachweisen, Bertram Resmini, Das Erzbistum Trier, Bd. 13: Die Benediktinerabtei St. Maximin vor Trier (Germania Sacra 3. F. 11, 2016 [im Druck]), S. 1029; vgl. auch Thomas Bauer, Die Verehrung heiliger Trierer Bischöfe aus Spätantike und Frühmittelalter (Anfänge bis ca. 930), in: Geschichte des Bistums Trier 1 (wie Anm. 84), S. 341–404, hier besonders S. 399: „Im Zuge der in Mettlach gegen Ende des 10. Jahrhunderts vorgenommenen Umgestaltung einer aus St. Gallen stammenden Litanei auf Trierer Bedürfnisse wurde die Invokation des Gallus an exponierter Stelle durch die des Liutwin ersetzt. Liutwin gelangte so gleichsam als ‚Spitzenheiliger‘ unter den Trierer Bischöfen in die Liturgie der Bischofssedes.“
                86) Düsseldorf, Universitäts- und Landesbibliothek, Ms. D 2, fol. 15v (zum 29. September): sancti Liuduuini archiepiscopi. Digitalisat: urn:nbn:de:hbz:061:1-174127 (abgerufen am 27. Mai 2016). Zur Handschrift Hoffmann, Schreibschulen (wie Anm. 60), S. 47–49, mit Angabe der weiteren Literatur. Vgl. auch Bauer, Verehrung (wie Anm. 85), S. 399. Im Kalender des Quedlinburger Antiphonars wird Liutwin nicht genannt, aus der Gruppe der Trierer Bischöfe fehlt auch der hl. Eucharius in der Quedlinburger Kalenderüberlieferung.
                87) Bei der Errichtung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968 griff Otto I. erneut auf das Personal von St. Maximin zurück. So entstammten der erste Erzbischof Adalbert sowie Mitglieder des neuen Domkapitels dem Maximiner Konvent. Dazu jüngst Resmini, St. Maximin (wie Anm. 85), besonders S. 252 f.
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                ist die Vermutung naheliegend, dass die Existenz einer ganzen Gruppe von heiligen Trierer Bischöfen als Altartituli in St. Servatius auf die Beteiligung eines Trierer Erzbischofs an einer der Quedlinburger Kirch- oder Altarweihen zurückzuführen ist. Interessant wird es nun, wenn wir uns den Nachfolger Egberts (977–993) im Trierer Bischofsamt etwas genauer anschauen. Von 994 bis 1008 amtierte Ludolf als Trierer Metropolit. Der Erzbischof verhängte gleich zu Beginn seines Pontifikats ein Interdikt über die Stadt Trier und hielt sich 994/95 häufig in der Abtei Mettlach auf, die er auch durch die Entgegennahme einer Landschenkung unterstützte88 – die Verbindung zum hl. Liutwin ist unübersehbar. Darüber hinaus dürfen wir bei Erzbischof Ludolf persönliche Bindungen zu Quedlinburg vermuten: Den Gesta episcoporum Halberstadensium zufolge stammte er aus sächsischem Adel und wurde in villa Ergostede, vermutlich zu identifizieren mit der Wüstung Erpostede bei Stecklenberg (etwa 10 km südwestlich von Quedlinburg), geboren und starb ebendort am 7. April 1008. Der Trierer Metropolit wurde nicht in seiner Bischofsstadt, sondern in seiner sächsischen Heimat, nämlich im Halberstädter Stephansdom vor dem Kreuzaltar, ehrenvoll bestattet.89 Er war Domherr in Hildesheim,90 sein Geden88)
                Vgl. zuletzt Martin Persch, Ludolf von Trier, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 5, hg. von Friedrich Wilhelm Bautz / Traugott Bautz, 1993, Sp. 315–317. Zur 995 in Mettlach beurkundeten Güterschenkung ad monasterium nomine Mediolacum, ubi s. Lutuinus corpore requiescit: Urkundenbuch zur Geschichte der, jetzt die Preussischen Regierungsbezirke Coblenz und Trier bildenden mittelrheinischen Territorien, Bd. 1: Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1169, hg. von Heinrich Beyer, 1860, Nr. 270, S. 326.
                89) Gesta episcoporum Halberstadensium, ed. Weiland (wie Anm. 47), S. 90, ad a. 1008: Ludolfus Treverensis archiepiscopus, vir meritis preclarus, iustus et pius 7. Id. Aprilis in villa Ergostede vocata, ex qua ipse oriundus fuit, vitam presentem finivit. Corpus vero ipsius in ecclesia sancti Stephani in Halberstat ante altare sancte crucis honorifice sepelitur. Zur sächsischen Abstammung des Ludolf vgl. auch Kurt-Ulrich Jäschke, Die älteste Halberstädter Bischofschronik (Mitteldeutsche Forschungen 62/1, Untersuchungen zu mitteldeutschen Geschichtsquellen des hohen Mittelalters 1, 1970), S. 133 f.; Rudolf Meier, Die Domkapitel zu Goslar und Halberstadt in ihrer persönlichen Zusammensetzung im Mittelalter (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 5, Studien zur Germania Sacra 1, 1967), S. 404. Zur Bestattung im Halberstädter Dom vgl. Gierlich, Grabstätten (wie Anm. 85), S. 69.
                90) Belegt im Ende des 12. Jahrhunderts angelegten Kapiteloffiziumsbuch des Hildesheimer Domkapitels (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 83.30 Aug 2°, fol. 34v). Hier ist er als Luidolfus archiepiscopus in die Liste der Hildesheimer Domkanoniker eingetragen, die andernorts zu Erzbischöfen berufen worden sind. Zur Handschrift vgl. Nathalie Krupp a / Christian Popp , Das Kapiteloffiziumsbuch des Hildesheimer Domkapitels, in: Editionswissenschaftliches Kolloquium 2011. Quellen kirchlicher Provenienz. Neue Editionsvorhaben und
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 25
                keintrag im Magdeburger Domnekrolog könnte dafür sprechen, dass er auch dem Magdeburger Domkapitel angehörte.91 Es ist offensichtlich, dass er das enge Verhältnis zu seiner ostsächsischen Heimat auch nach dem Erlangen des Trierer Erzbischofsstuhls nicht aufgelöst hat. Die Annahme, dass Ludolf von Trier zwischen 994 und 1008 in der Phase der Umbauten der Stiftskirche an einer der Weihehandlungen in der Quedlinburger Stiftskirche teilnahm, kann also durchaus Plausibilität beanspruchen. Möglicherweise gehörte er zu den namentlich nicht genannten archipraesules, die laut Quedlinburger Annalen aktiv an der Kirchweihe von 997 beteiligt waren, was eine Erklärung für die auffällige Gruppe der trierisch-bischöflichen Altartituli im Weihebericht von 1021 liefern würde.
                Die Erkenntnismöglichkeiten, die die langen Patrozinienlisten der beiden westlichen Altäre im Weihebericht der Quedlinburger Annalen zu 1021 bieten, sind damit keineswegs ausgeschöpft. Drei weitere Beobachtungen seien exemplarisch angefügt:
                1. Dem fünften Altar, südlich im Westteil der Kirche gelegen, werden im Weihebericht als Hauptpatrone der hl. Remigius, Bischof von Reims im 6. Jahrhundert, und der römische Märtyrer Cyriakus zugewiesen (in honore sancti Remigii, sancti Ciriaci martyris et sociorum eius). Letzterer lässt sich als ‚Leitheiliger‘ der Familie der Geroniden im Bistum Halberstadt beschreiben.92 Dem adeligen Geschlecht aus dem östlichen Harzraum entstammten im 10. Jahrhundert mehrere Markgrafen, außerdem Erzbischof Gero von Köln (969–976) und der oben genannten Erzbischof Gero von Magdeburg, der bei der Quedlinburger Weihe 1021 anwesend war und den Kreuzaltar in medio ecclesiae weihte. Markgraf Gero († 965) hatte bei einer Rom-Wallfahrt den Arm des hl. Cyriakus empfangen und diese Reliquie dem Kanonissenstift überlassen, das er 961 in seiner Burg Gernrode eingerichtet hatte. 1295
                aktuelle EDV-Projekte, hg. von Helmut Flacheneck er / Janusz Tandeck i (Publikationen des Deutsch-Polnischen Gesprächskreises für Quelleneditionen 6, 2011), S. 71–87.
                91) Zum 7. April: Luidulfus archiepiscopus, Faksimile in: Die Totenbücher von Merseburg, Magdeburg und Lüneburg (wie Anm. 53), S. 44. Nicht bei Wentz / Schwineköper, Domstift St. Moritz in Magdeburg (wie Anm. 54).
                92) Zu den Geroniden und dem hl. Cyriakus vgl. ausführlich mit allen Quellenbelegen Hedwig Röck elein, Zur Akkumulation sakraler Schätze im östlichen Harzraum während des frühen und hohen Mittelalters, in: … das Heilige sichtbar machen. Domschätze in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, hg. von Ulrike Wendland (Arbeitsberichte des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 9, 2010), S. 59–82, hier S. 68–70.
                26 Christian Popp
                wird das Stift Gernrode in einer Ablassurkunde mit einem Doppelpatrozinium benannt, neben den hl. Cyriakus tritt nun ein ungewöhnlicher Heiliger namens Metronus (ecclesia beatorum Cyriaci et Metroni in Gerenrode). 1355 wird erstmals ein Altar zu Ehren des hl. Metronus erwähnt, aus den Quellen des 15. Jahrhunderts geht hervor, dass sich die Metronus-Kapelle im Westchor der Gernröder Stiftskirche befand.93 Der in Gernrode verehrte hl. Metro (Metronus, Metronius) lebte der Legende nach als landfremder Büßer in Verona. Er hatte sich vor der Kirche San Vitale in Verona an einen großen Stein gekettet und den Schlüssel in die Etsch geworfen. Dieser Schlüssel wurde sieben Jahre später im Magen eines Fisches gefunden – ein göttliches Zeichen, woraufhin der Veroneser Bischof den Büßer von seinen Ketten befreite.94 Die Vita des Heiligen stammt von Bischof Rather von Verona († 974),95 der zugleich den Diebstahl der Gebeine des Metro aus San Vitale im Jahr 962 beklagte.96 Jutta Fliege hat die Übertragung von Kult und Reliquien des außerhalb Veronas kaum nachzuweisenden hl. Metro mit einiger Plausibilität auf das Jahr 962 datiert;97 aufgrund des späten Auftretens in den Gernröder Quellen und einer Umgestaltung des Westbaus im 12. Jahrhundert wird von kunsthistorischer Seite auch eine spätere Transferierung des Heiligen durch Friedrich Barbarossa (1152–1190) diskutiert.98 Unbemerkt blieb in der Diskussion, dass der Kult des hl. Metro schon im 11. Jahrhundert im östlichen Sachsen präsent war. Im Quedlinburger Weihebericht von 1021 wird der Veroneser Heilige als 31. Titulus im Altar St. Remigius und Cyriakus genannt, als letztes Patrozinium dieser Liste schließt sich direkt an den hl. Metro der hl. Zeno, Bischof von Verona († 371/72), an, was
                93) Alle Quellenbelege zum Auftreten des hl. Metronus in Gernrode bei Klaus Voigtländer, Die Stiftskirche zu Gernrode und ihre Restaurierung 1858–1872, 1980, S. 69 f. und 140.
                94) Silvio Tonolli, Metrone, venerato a Verona, santo, in: BiblSS 9 (wie Anm. 49), Sp. 397 f.; Ulrich Mölk, Zur Vorgeschichte der Gregoriuslegende: Vita und Kult des hl. Metro von Verona (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 1987,4, 1987).
                95) BHL Nr. 5942 f.
                96) Vgl. Mölk, Vita (wie Anm. 94), S. 41; Huschner, Transalpine Kommunikation 2 (wie Anm. 46), S. 703.
                97) Jutta Fliege, Der hl. Metro von Verona und Gernrode im Harz, in: Von der Wirkung des Buches. Festgabe für Horst Kunze zum 80. Geburtstag, hg. von Friedhilde Krause, 1990, S. 122–132.
                98) Vgl. Röck elein, Akkumulation (wie Anm. 92), S. 70, die bereits darauf hinweist, „dass Verona … den Lombardischen Städtebund gegen Friedrich I. anführte und nicht bereit gewesen sein dürfte, ihm Metro-Reliquien auszuhändigen.“
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 27
                die Identifizierung mit dem Veroneser Büßer alternativlos macht. Die Namensform sancti Metroni, die dem späteren Auftreten in Gernrode entspricht, sowie der kultische Zusammenhang mit dem hl. Cyriakus in der Quedlinburger Altarliste machen deutlich, dass ein Bezug zum nur wenige Kilometer südlich von Quedlinburg gelegenen Kanonissenstift Gernrode herzustellen ist. Die bisher unbeachtete Nennung des Veroneser Heiligen im Quedlinburger Weihebericht von 1021 ist ein weiteres starkes Indiz, die Transferierung der Metro-Reliquien von Verona nach Gernrode in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in der Zeit Bischof Rathers, König Ottos des Großen und Markgraf Geros, anzusetzen.
                2. Merkwürdig ist die Genese des Eintrags zu Paulinus von Nola († 431) in der Tituliliste des besagten fünften Altares im Weihebericht, direkt hinter der Gruppe der Trierer Bischöfe. Der hl. Paulinus wird mit dem Nebensatz qui pro filio viduae se tradidit servituti 99 verzeichnet. Der Einschub spielt auf eine im dritten Buch der Dialoge Gregors des Großen geschilderte Episode an, in der der asketisch lebende Bischof von Nola sich freiwillig für den Sohn einer Witwe in die Sklaverei begab.100 Der Zusatz ist für die Identifizierung des Heiligen nicht notwendig – der Titulus ist in der Form sancti Paulini Nolanae civitatis episcopi im Gegensatz zu vielen anderen Nennungen im Weihebericht eindeutig beschrieben. In der ansonsten streng listenförmigen Erfassung der Altarpatrozinien bleibt dieser Eintrag ein Fremdkörper.
                3. Auffällig ist mindestens ein angelsächsischer Titulus. Die unter den Patrozinien des nördlichen Altars im Westteil an vorletzter Stelle aufgeführte sancta Adeldrida ist als hl. Ætheldreda († 679), Äbtissin des Klosters Ely nordöstlich von Cambridge, zu identifizieren. Seit dem 8. Jahrhundert entwickelte sich eine Wallfahrt zu ihrem Grab in der Kathedrale von Ely.101 Ob ihre Verehrung in Quedlinburg auf
                99) Annales Quedlinburgenses, ed. Giese (wie Anm. 3), S. 565.
                100) Gregorii Magni Dialogi libri IV, hg. von Umberto Moricc a (Fonti 57, 1924, ND 1960), S. 135–139; BHL Nr. 6560. Zu Leben und Werk Paulinus’ vgl. Matthias Günther, P[aulinus] von Nola, in: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 9, 2000, Sp. 426–428. Zur Verehrung vgl. Serafino Prete / Maria Chiara Celletti, Paolino, Ponzio Meropio Anicio, vescovo di Nola, santo, in: BiblSS 10 (wie Anm. 49), Sp. 156–162. Sein Festtag ist im Kalender des Quedlinburger Antiphonars zum 22. Juni verzeichnet: Paulini conf. Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 340.
                101) Ekkart Sauser, Etheldreda (Edeltraud), hl. Äbtissin von Ely (635–679), in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 14, hg. von Friedrich Wilhelm Bautz / Traugott Bautz, 1998, Sp. 962; John Stephan, Eteldreda, badessa di Ely
                28 Christian Popp
                die engen Bindungen zwischen den insularen und den kontinentalen Sachsen zur Zeit Heinrichs I. und Ottos I. zurückgeht,102 muss hier offen bleiben. Nicht sicher zu identifizieren ist der 29. Titulus des südlichen Altares im Westteil der Kirche, den die Quedlinburger Annalen als sancti Ethelberti wiedergeben. Aufgrund der Namensform ist es naheliegend, diesen hl. Ethelbert ebenfalls mit einem Angelsachsen in Verbindung zu bringen, beispielsweise dem ersten christlichen König von Kent († 616)103 oder dem 794 getöteten Æthelberht II., König von East Anglia.104 Allerdings findet sich im zeitnah entstandenen Kalender des Quedlinburger Antiphonars der Eintrag Sancti Aethelbertii martyris zum 23. April.105 An diesem Tag wurde das Fest des Bischofs Adalbert von Prag begangen, der am 23. April 997 bei den heidnischen Pruzzen das Martyrium erlitten hatte und dessen Kult mit massiver Unterstützung des ottonischen Herrscherhauses schnell Verbreitung fand.106 Insofern ist der Altartitulus sancti Ethelberti im Weihebericht möglicherweise auf den Prager Bischof zu beziehen, auch wenn die in den Quedlinburger Quellen auftauchende orthographische Variante des Namens107 und seine Stellung in der Patrozinienliste in einer Reihe mit Bekennern ungewöhnlich ist. Da aber auch in der Tituliauflistung dieses Altares die Heiligenhierarchie – der Vorrang der Märtyrer vor
                santa, in: BiblSS 5 (wie Anm. 49), Sp. 121 f. Ihr Gedenktag ist der 23. Juni, im Kalender des Quedlinburger Antiphonars ist sie nicht verzeichnet.
                102) Zum Transfer von Heiligen und Reliquien von den britischen Inseln nach Sachsen im 10. Jahrhundert jüngst Hedwig Röck elein, Kulttransfer – Heiligenverehrung und Reliquien im 10. Jahrhundert, in: Dome – Gräber – Grabungen. Winchester und Magdeburg. Zwei Kulturlandschaften des 10. Jahrhunderts im Vergleich, hg. von Stephan Freund / Gabriele Köster (Schriftenreihe des Zentrums für Mittelalterausstellungen Magdeburg 2, 2016), S. 155–178.
                103) Ekkart Sauser, Ethelbert, König von Kent († 616), in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (wie Anm. 101), Bd. 18, 2001, Sp. 391 f.; Niccolò Del Re, Etelberto, re del Kent, santo, in: BiblSS 5 (wie Anm. 49), Sp. 116–118.
                104) Gian Domenico Gordini, Etelberto, re dell’Anglia Orientale, santo, in: BiblSS 5 (wie Anm. 49), Sp. 116.
                105) Möller, Quedlinburger Antiphonar 2 (wie Anm. 7), S. 336, zum 23. April: Georgii mr & Sci Aethelbertii mr & Scae Pusinne uirg.
                106) Auch in Sachsen lassen sich frühe Zeugnisse der Adalbertsverehrung finden. So erhielt das Frauenstift Gandersheim – vermutlich anlässlich der Kirchweihe von 1007 – eine Reliquie des Prager Bischofs. Vgl. dazu Popp , Schatz der Kanonissen (wie Anm.), S. 74 f., mit weiterer Literatur zum hl. Adalbert.
                107) Vgl. die Belege in den ottonischen Handschriften des Reichskalenders (ausschließlich Adel-, Adal-, Adil-) bei Borst, Reichskalender 2 (wie Anm. 42), S. 806 und 808 mit Anm. 18 (zum 23. April).
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 29
                den Confessoren – nicht stringent eingehalten ist, lässt sich die Identität des Ethelbertus nicht sicher klären.
                VIII. Fazit
                Der Bericht über die Weihe der Quedlinburger Stiftskirche in den Annales Quedlinburgenses zum Jahr 1021 besticht durch seine detaillierten Informationen zu den an den Altären verehrten Heiligen und dürfte eine verschriftlichte Liste der Patrozinien und Reliquien zur Grundlage haben, die während des Weiheereignisses entstanden ist. Für die sechs Altäre in Chor und Langhaus der Stiftskirche – die Krypta bleibt im Bericht unberücksichtigt – werden insgesamt 85 Altartituli genannt. Für fünf der Altäre wird die Reliquienausstattung verzeichnet, dabei werden 70 Heiltümer namentlich aufgezählt. Wie in Kathedral- und bedeutenden Kloster- und Stiftskirchen üblich, werden auch in Quedlinburg mit Partikeln vom Kreuzesholz und von der Dornenkrone Christi wertvolle Herrenreliquien im Kreuzaltar in medio ecclesiae eingeschlossen. Auffallend ist die Vielzahl von Reliquien der Apostel und Evangelisten – besonders hervorzuheben ist eine Fingerreliquie des hl. Markus im Reliquiensepulchrum des Hochaltars – und die beeindruckende Anzahl von Reliquien hochrangiger römischer Heiliger, insbesondere frühchristlicher Märtyrer.
                Hinsichtlich der Altarpatrozinien sind die beiden letztgenannten Altäre, im westlichen Teil der Kirche gelegen, besonders erklärungsbedürftig. Sie werden ohne Konsekranten und mit einer ungewöhnlich großen Anzahl von Altartituli verzeichnet. Sie sind vermutlich vor 1021 geweiht worden, die Genese der langen Patrozinienlisten dürfte mit einer Zusammenlegung von Altartituli älterer Altäre zu erklären sein. Für den im Bericht letztgenannten Altar St. Laurentia und Stephana überliefert der Kalender des Quedlinburger Antiphonars das Tagesdatum der Weihe (30. März), die Lageangabe, der Altar befände sich im östlichen Teil, ist offenbar fehlerhaft. Der Altar befand sich, wie 1021 angegeben, im Westen der Kirche und wurde am 30. März eines unbekannten Jahres, jedoch vor 1021, geweiht, womit ein westlicher Bauabschnitt der Servatiuskirche seinen Abschluss fand, bevor die Fertigstellung des Ostteils am 24. September 1021 unter Anwesenheit des Kaiserpaares mit der Konsekration von Hochaltar, Kreuzaltar und zwei Altären, die sich vermutlich im südlichen und nördlichen Querschiff befanden, begangen wurde.
                30 Christian Popp
                Entschlüsselt werden konnte eine Gruppe von fünf heiligen Trierer Bischöfen, die unter den Tituli des fünften Altares St. Remigius und Cyriakus genannt werden. Der zwischen Eucharius und Paulinus verzeichnete sanctus Ludovicus ist als der hl. Ludwinus/Liutwinus, Stifter der Benediktinerabtei Mettlach, zu deuten. Vermutlich hat der in der Nähe von Quedlinburg geborene und in Halberstadt begrabene Erzbischof Ludolf, der von 994 bis 1008 das Trierer Metropolitenamt bekleidete, an der Vorgängerweihe von 997 in Quedlinburg teilgenommen und den Kult der Trierer Bischofsheiligen in das Kanonissenstift transferiert.
                Insgesamt ist zu konstatieren, dass der Weihebericht von 1021 in Einklang mit dem etwa zeitgleich entstandenen Kalender des Quedlinburger Antiphonars einen höchst ausdifferenzierten Heiligenhimmel sichtbar macht, der mit der Bedeutung des Quedlinburger Frauenstifts im 10./11. Jahrhundert korrespondiert und offenlegt, dass die Quedlinburger Kanonissen aufgrund ihrer Nähe zum ottonischen Herrscherhaus in dieser Zeit über außergewöhnliche Bezugsquellen für Reliquien verfügten.
                Die Quedlinburger Kirchweihe im Jahre 1021 31
                Quedlinburger Annalen ad annum 1021: Beginn des Berichts zur Quedlinburger Kirchweihe im Dresdner Codex unicus (16. Jahrhundert).
                Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek, Q. 133, fol. 40v.

                  

                  

                  

                  

                  

                  

                  

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